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Interview Mit Der Ostsee-Zeitung über Digitales Lernen Und Demenzprävention

Interview mit der Ostsee-Zeitung über digitales Lernen und Demenzprävention

Dr. Armin Keller (38) ist Wissenschaftler am Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Rostock. Außerdem ist er als Projektleiter am Kompetenzzentrum Demenz des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern der Deutschen Alzheimergesellschaft in Rostock tätig. Der Rostocker Kognitionswissenschaftler, der aus Greifswald stammt, untersucht Prozesse im Gehirn, die bei der Verarbeitung von Informationen und der Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt sind.

Im Bereich der Prävention untersucht er die Stressverarbeitung sowie stressreduzierende Methoden. Kognitionswissenschaft ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die verschiedene Fachgebiete umfasst. Dazu zählen Psychologie, Neurowissenschaft, Linguistik, Neuroinformatik, Linguistik und Philosophie. Ziel ist die Erforschung der Informationsverarbeitung beim Denken, Lernen und Handeln sowie des bewussten und unbewussten Erlebens.

Kinder und Jugendliche lernen derzeit nur zu Hause, ebenso Studenten. Viele Arbeitnehmer und Freischaffende arbeiten im Homeoffice. Eine große Rolle spielt dabei das Internet. So schaut man schnell bei Suchmaschinen nach, ob es für Aufgaben Antworten gibt. Oft ohne selbst erstmal nachzudenken. Ist das richtig?

Wir lagern oft das selbstständige Denken aus. Googeln nimmt uns einen Teil unserer Denkfähigkeit ab, so wie Navigationsgeräte uns zunehmend die Fähigkeit nehmen, uns räumlich orientieren zu können. Wir verlernen es einfach. Das macht sich bemerkbar. Alles gleich zu googeln ist für Schüler nicht gut. Sie kommen dadurch zwar schnell an Informationen, jedoch mindert es ihre Leistung, diese zu hinterfragen und Zusammenhänge zu entdecken, weil das Gehirn weniger gefordert ist. Ich denke, dass Digitalisierung in bestimmten Bereichen auf Dauer dazu führen kann, kognitive Fähigkeiten wie strategisches Denken, Problemlösen oder räumliche Orientierung negativ zu beeinträchtigen. Da muss man unter anderem auch an Schulen aufpassen. In anderen Bereichen halte ich, vor allem mit Blick auf die derzeitige Krise, digitale Anwendungen für sehr sinnvoll. Zum Beispiel Onlineunterricht, Teambesprechungen per Video-Konferenzen, Selbsthilfe-Apps oder Arztkonsultationen per Videosprechstunde für Menschen, die in abgelegenen Regionen leben.

In welcher Atmosphäre lernt man am besten? Denn die spielt doch sicherlich auch eine Rolle, um effizient lernen zu können.

Sicherlich in einer ruhigen Atmosphäre, in der das Smartphone am besten weit weg liegt. Denn es konnte in einer Studie bereits nachgewiesen werden, dass allein, wenn das Smartphone im Klassenraum in Griffnähe liegt, der Lernerfolg am niedrigsten ist. Am größten waren bei den Schülern die Lernleistung und die Aufmerksamkeit, wenn es sich außerhalb des Klassenraumes befand. Dieses Ergebnis ist auch für die derzeitige Corona-Krise relevant. Eine Situation, in der das Lernen nicht in den Klassenräumen oder Vorlesungssälen stattfindet, sondern zu Hause, und das Smartphone wahrscheinlich bei vielen griffbereit liegt. Meine Empfehlung an die Eltern, die jetzt einen Teil des Unterrichtes ihres Kindes organisieren, ist, für die Nutzung des Smartphones klare Regeln aufzustellen.

Hat das Chillen, Entspannen, Abhängen eine positive Wirkung auf Lernerfolge? Anders gefragt: Ist Langeweile ab und zu wichtig, um kreativ zu bleiben?

Ja, denn gerade in Zeiten der Reizüberflutung verlernen wir zunehmend die Fähigkeit, mit der Aufmerksamkeit längere Zeit bei einer Sache zu bleiben. Daher ist es wichtig, Phasen zu haben, in denen das Gehirn die Möglichkeit hat, Informationen richtig abzuspeichern. Und das funktioniert am besten, wenn es gleichzeitig möglichst wenig neue Informationen abspeichern muss. Daher sind Zeiträume des Nichtstuns so wie beim Entspannen oder bei Langeweile sehr wichtig. Sie können bewirken, dass völlig neue Ideen entstehen, die dazu antreiben, auch mal etwas Neues auszuprobieren. In einer eigenen Studie mit 137 Versuchspersonen habe ich darüber hinaus nachgewiesen, dass bei regelmäßiger Ausübung eines Entspannungstrainings Informationen und Reize vom Gehirn effektiver verarbeitet werden.

Sie beschäftigen sich zum Beispiel damit, wie Menschen mit Demenz wieder eine bessere Hirnleistung erreichen. Wie schafft man das? Und lassen sich die Erkenntnisse auch auf Nichterkrankte übertragen beziehungsweise auf Schüler?

Ich empfehle Tanzen. Studien mit Menschen mit Demenz konnten zeigen, dass körperliche Aktivität positiv auf die Erhaltung und Entwicklung neuer Nervenverbindungen im Gehirn wirkt und dass kognitives Training die Gedächtnisleistung stärkt. Tanzen, gemeint ist hier strukturiertes Tanzen mit bestimmten Bewegungsabläufen wie sie an Tanzschulen gelehrt werden, verbindet beide Aspekte miteinander. Und nicht nur das, es fördert auch die soziale Aktivität, die zusätzlich viel Freude bereitet. Die Forschung konnte zudem zeigen, dass Tanzen zur Vorbeugung demenzieller Erkrankungen den größten positiven Effekt hat im Vergleich zu einem Fitnesstraining oder Kreuzworträtsellösen. Tanzen fordert den Kopf. Man muss sich Bewegungsabläufe merken sowie neue hinzulernen, seine Bewegungen im Takt koordinieren und sich gleichzeitig noch auf den Tanzpartner einstellen. Das fördert die Plastizität des Gehirns, das heißt die ständige Neubildung und Anpassung neuronaler Verbindungen. Plastizität ist eine Voraussetzung dafür, dass wir zum Beispiel etwas Neues lernen können. Diese Erkenntnisse lassen sich auch auf Nichterkrankte und auf Schüler übertragen, wurden aber in der Praxis leider noch nicht ausreichend umgesetzt.

Was schlagen Sie vor?

Für Schulen wären Tanzkurse oder Tanzen als Schulfach denkbar. Am besten gleich morgens in der ersten Stunde. Ich bin mir sicher, dass dadurch die Lernerfolge besser werden. Spannend hierzu würde ich die Durchführung von Studien finden, in denen man die Lernerfolge der Schüler unter den Bedingungen Tanzen versus Nichttanzen miteinander vergleichen könnte.

Tanzen Sie selbst auch?

Ja, ich tanze unter anderem Lindy Hop und Balboa. Diese Tanzstile kommen aus dem Swing. Hauptsächlich tanze ich jedoch Salsa.

Spüren Sie Effekte?

Seitdem ich regelmäßig tanze, fühle ich mich körperlich und geistig vitaler. Ich bin wacher und konzentrierter. Und ich habe das Gefühl, dass meine Koordinations- und Reaktionsfähigkeit besser geworden ist. Mir tut tanzen insbesondere nach der Arbeit gut. Es hilft, schnell abzuschalten und ich schlafe dann auch besser, als wenn ich nicht tanze. Gerade in diesen Zeiten, in denen aufgrund des Coronavirus alle Tanzkurse und Tanzveranstaltungen ausfallen, merke ich den Unterschied. Das versuche ich jedoch mit ausgedehnten Spaziergängen zu kompensieren.

Quellen:

 

 

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