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Demenz, die teuerste Erkrankung?

  • Johannes Hoehnke

In diesen Tagen sprechen wird viel über Gesundheitskosten und Finanzierungslücken im Gesundheitswesen. Dabei verlieren wir häufig die größten Kostenreiber, nämlich die Erkrankungen selbst, aus dem Blick. Gerade die Behandlung von an Demenz erkrankten Personen ist sehr teuer – ein Überblick:

Prinzipiell gilt, die Kosten für die Behandlung von Betroffenen können nicht so leicht ermittelt werden. Grund dafür sind die unterschiedlichen Verläufe und die darauf abgestimmten formellen und informellen Leistungen.

Formell meint in diesem Zusammenhang alle Kosten professionell erbrachter Pflege, während informell diejenigen Hilfen meint, die durch Familie, Nachbarschaft oder Bekanntschaften übernommen werden.

Letztere Kosten lassen sich zudem nicht immer klar zuordnen, gerade dann, wenn diese eben mal nebenbei erledigt werden. Dennoch wurden in der Vergangenheit Versuche unternommen, die Gesundheitsausgaben für Menschen mit Demenz möglichst klar abzugrenzen.

 

Welche Untersuchungen liefen bereits dazu?

Im Verlauf der letzten Jahrzehnte gab es eine Vielzahl von Untersuchungen zu den finanziellen Aufwendungen der Demenzversorgung, die hier nicht alle wiedergegeben werden können. Allerdings gibt es sog. Meta-Analysen, die vorhandene Studien zusammenfassen und so einen Gesamtüberblick geben. Nachstehend werden daher drei prägnante Metastudien vorgestellt:

  1. Leniz J et al.Kosten, Kostenbestandteile und damit verbundene Faktoren bei Menschen mit Demenz, die am Ende des Lebens entstehen.
    (Alzheimer‘s Dement. 2021 Sep, doi: 10.1002/trc2.12198.)
    • Gegenstand: Metaanalyse von 19 Studien zw. 1999 & 2019 (davon 16 aus d. USA)
    • Ergebnis: Die monatlichen direkten Gesamtkosten der Pflege stiegen 12 Monate vor Lebensende, von 1.787 USD auf 2.999 USD und im letzten Monat vor dem Tod von 4.570 USD auf 11.921 USD
    • Quelle: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8438684/
  1. Jönsson et al.Kosten der Demenz in Europa: Eine aktualisierte Überprüfung und Meta-Analyse.“ (Pharmakoökonomie. 2023 Jan; doi: 10.1007/s40273-022-01212-z.)
    • Gegenstand: Metaanalyse von 113 Studien aus 17 europäischen Ländern
    • Ergebnis: Die geschätzten mittleren Kosten (nach Regionen) sind am höchsten auf den britischen Inseln (73.712 €), gefolgt von Nordeuropa (43.767 €), Südeuropa (35.866 €), Westeuropa (38.249 €) und Osteuropa mit dem Baltikum (7.938 €).
    • Zudem gilt: Die Verteilung der Kosten über die informelle und formelle Versorgung folgte einem Nord-Süd-Gefälle, wobei Südeuropa am stärksten von informeller Versorgung abhängig ist.
    • Quelle: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36376775/
  1. Michalowsky et al.Ökonomische und gesellschaftliche Herausforderungen der Demenz in Deutschland“ – Eine Metaanalyse (Bundesgesundheitsblatt 2019, https://doi.org/10.1007/s00103-019-02985-z)
    • Gegenstand: Aus 592 Studien in Dts. wurden 15 Studien ausgewählt, um möglichst genau festzustellen, welche formellen und informellen Gesundheitskosten in der Bundesrepublik auf Menschen mit Demenz fallen.
    • Ergebnisse: Die gesamtgesellschaftlichen Gesundheitskosten lagen im Jahr 2016 bei 73  €. Sie könnten bis 2060 auf 195 Mrd. € ansteigen.
    • Die Kosten der formellen Pflege für alle Personen ab 65 J. beliefen sich 2016 auf 34  € und könnten bis 2060 auf 90 Mrd. € ansteigen. 54 % dieser Pflegekosten könnten alleine der Demenz zugeschrieben werden.
    • Quelle: https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-019-02985-z#citeas

Die Ergebnisse lassen Unterschiedliches erkennen:

  • Demenz ist ein wesentlicher Kostenfaktor im Gesundheitswesen
  • Es gibt keine einheitlichen Kriterien zur Untersuchung bzw. der Einbezug unterschiedlicher Kriterien verändern die Kostenstruktur
  • Die Kosten (in Deutschland) steigen zunehmend

 

Was gilt nun für Deutschland?

Die letztgenannte Studie von Michalowski et al. ist in Bezug auf die Bundesrepublik die aussagekräftigste Untersuchung. Zumal hier auch ein monetärer Gegenwert zur informellen Pflege definiert wurde.

Unabhängig von der Wohnsituation lagen die jährlichen Pro-Kopf-Kosten aus Seiten der Kostenträger für die Betroffenen durchschnittlich bei 20.658 € – sowie 44.659 € (zzgl. informelle Kosten) – nachstehende Abbildung gibt hier nochmal einen Überblick:

Abb 1: Gesundheitskosten für Menschen mit und ohne Demenz (Quelle: www.pub.dzne.de – s. u.)

Bereits bei für auftretenden Symptomen kommt es zu einem Anstieg der Gesamtkosten in der Versorgung:

Abb. 2: Gesundheitskosten für Menschen mit Demenz nach Stadium (Quelle: Gläser E, […], Michalowsky B. The economic burden of subjective cognitive decline, mild cognitive impairment and Alzheimer’s dementia: excess costs and associated clinical and risk factors. Alzheimers Res Ther. 2025 Jun 26;17(1):142.)
Legende:
controll = Kontrollgruppe ohne Symptome
SCD = subjektive Abnahme der Kognition
MCI = Leichte kognitive Störung
ADD = Fortgeschrittene Demenzerkrankung

 

Wovon die Kosten abhängen (Auswahl)?

a) Demografischen Wandel
Die zunehmende Alterung in Deutschland bewirkt auch eine Zunahme der Demenzerkrankungen. Michalowsky et al. zeigen, dass diese Kosten 2016 noch bei 73 Mrd. € lagen, während sie 2026 bei ca. 100 Mrd. € liege. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Kosten bis 2060 nahezu verdoppeln.

b) Der betrachtete Zeitpunkt
Wie Leniz J et al. zeigen, sind die Kosten der Gesundheitsversorgung am Lebensende besonders hoch. Je nachdem, welche Zeitspanne betrachtet wird, verändern sich die Kosten.

c) Komorbiditäten
Michalowsky et al. stellen zudem heraus, dass jede zusätzliche Erkrankung die Gesundheitskosten um 5 % erhöht. Generell bedingen sich chronische Krankheiten häufig negativ (bspw. Depression und Demenz).

d) Grad der Abhängigkeit / des Pflegebedarfs (Pflegegrad)
Die Studie zeigt zudem, dass die Kosten sich je nach Pflegegrad immens vervielfachen können. Dies liegt logischerweise an dem erhöhten Pflegebedarf und schlägt sich wie folgt nieder:

Pflegegrad 1 – Kosten +33 %
Pflegegrad 2 – Kosten +156 %
Pflegegrad 3 – Kosten +257 %
Pflegegrad 4 – Kosten +342 %
Pflegegrad 5 – Kosten +376 %

e) Geschlecht und Wohnraum
Michalowsky et al. weisen auch darauf hin, dass auch andere Faktoren, wie Geschlecht (Männer +5 %) und Wohnraum (+4-5 % im Vgl. zu Stadtrand/Land) Kosten erhöhen können.

 

Sind die Ergebnisse für Deutschland nun aussagekräftig?

Die Stärke der Analyse von Michalowsky et al. ist, dass eine Vielzahl an Variablen einbezogen wurde – auch die informelle Versorgung von Menschen mit Demenz wurde berücksichtigt (dafür setzten die Forschenden das Bruttodurchschnittsgehalt in Deutschland an).

Wie eingangs jedoch beschrieben können nicht alle Kosten ermittelt werden. Bspw. geht die Versorgung von Menschen mit Demenz häufig mit hohen psychischen und körperlichen Belastungen der An- und Zugehörigen einher. Diese Folgekosten wären relevant, können aber kaum ermittelt werden.

 

Welchen Nutzen bieten die Erkenntnisse?

Die Erkenntnisse sind volkswirtschaftlich sehr relevant. Denn nun kann ausgelotet werden, welche Belastungen das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren zu erwarten hat – ein Zitat aus der Publikation bringt es auf den Punkt:

Im Vergleich zu den gesamten Gesundheitsausgaben, welche zwischen 2002 und 2015 um 51 % gestiegen sind, zeigte sich ein überproportionaler Anstieg von 89 % bei den Krankheitskosten der Demenz, welche schon heute eine der teuersten Erkrankungen unserer Gesellschaft ist und durch das Voranschreiten des demografischen Wandels auch in der Zukunft sein wird.[1]

Nachstehende Grafik zeigt diese Kostenentwicklung:

Abb 3: siehe Beschriftung (Quelle: www.pub.dzne.de – s. u.)

Schon heute können Stellschrauben gedreht werden, um diese Kostenexplosion zu vermindern – nachfolgend werden drei aufgeführt:

Fokus Prävention – Knapp 50 % der Risikofaktoren für eine Demenzerkrankung sind bereits bekannt. Die Förderung eines gesunden Lebensstils sollte über Informationskampagnen und Rahmenbedingungen stärker fokussiert werden.

Mehr Investition in Forschung – Leider gibt es noch kein Medikament, welches die Alzheimer-Demenz wirklich angemessen bekämpfen könnte. Aufgrund der enormen Gesundheitskostensteigerung sollte es schon heute zusätzliche Förderungen in die Alzheimer-Forschung geben.

Passgenaue Sektorübergreifende Versorgung – Immer wieder kommt es zu „Reibungsverlusten“ in Versorgungsübergängen. Die Stärkung des Case-Managements und die damit einhergehende passgenaue Schnittstellenarbeit würden auch zu einer Kostenreduktion bzw. Effizienzsteigerung im Gesundheitssektor führen.

 

Fußnote:

[1] https://pub.dzne.de/record/140841/files/DZNE-2020-07163.pdf?subformat=pdfa (Zugriff: 09.07.2026)

 

Quellen (Zugriff: 09.07.2026):

https://pub.dzne.de/record/140841/files/DZNE-2020-07163.pdf?subformat=pdfa
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S186592172500203X
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34541291/
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=costs+dementia&filter=pubt.clinicaltrial&filter=pubt.systematicreview&filter=years.2018-2026
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36376775/

 

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