
Geschlecht und Demenz
Teil 1: Wer erkrankt häufiger an einer Demenz?
Frauen stellen weltweit die Mehrheit der Menschen mit Demenz. Ist ihr Risiko tatsächlich höher, oder steckt hinter den Zahlen etwas ganz anderes? Die Antwort ist überraschend komplex. Denn nicht nur die höhere Lebenserwartung von Frauen spielt eine Rolle. Auch Bildungschancen, biologische Unterschiede, gesellschaftliche Faktoren und die Art, wie Demenz diagnostiziert wird, beeinflussen die Statistiken.
Weltweite Verbreitung: Mehr Frauen leben mit Demenz
Eine systematische Übersichtsarbeit aus 2023 zeigt, dass die weltweite Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von Demenz bei Menschen ab 65 Jahren bei Frauen höher liegt als bei Männern. Hingegen gibt es keine Geschlechtsunterschiede bei der Inzidenz (Neuerkrankungsrate) der Altersgruppe ab 65 Jahren. Das bedeutet: Frauen erkranken nicht in jedem Alter grundsätzlich häufiger an Demenz, sie leben aber häufiger einen längeren Zeitraum mit der Diagnose.
Ein wichtiger Grund dafür ist die höhere Lebenserwartung von Frauen. Da das Demenzrisiko und die Demenzprävalenz mit steigendem Alter deutlich zunehmen, führt eine längere Lebensdauer dazu, dass mehr Frauen die Altersgruppen erreichen, in denen Demenz besonders häufig auftritt. Es gibt verschiedene Erkrankungen die ursächlich für eine Demenz sind. Bei Frauen ist die Alzheimer-Demenz die häufigste Form. Bei Männern hingehen, treten vaskuläre Demenzen häufiger auf. [1] Die aktuellen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die höhere Prävalenz nicht allein biologisch erklärt werden kann, sondern auch von gesellschaftlichen Faktoren abhängt.
Bildung, Kohorten und kognitive Reserve
Bildung ist einer der zentralen Schutzfaktoren, wenn es um das klinische Auftreten einer Demenz geht. Dabei schützt Bildung nicht unbedingt vor den neuropathologischen Veränderungen selbst, kann aber dazu beitragen, dass Symptome später sichtbar werden. Dieses Phänomen wird als kognitive Reserve bezeichnet. Menschen mit höherer kognitiver Reserve können krankheitsbedingte Veränderungen im Gehirn länger kompensieren, etwa durch effizientere Netzwerke, flexiblere Denkstrategien und lebenslange geistige Aktivierung.
Bloomberg et al. untersuchten mehrere Geburtsjahrgänge: die Jahrgänge 1930–1938, 1939–1945 und 1946–1955. Männer hatten in allen Geburtsjahrgängen häufiger eine höhere Schul- oder Universitätsbildung als Frauen. Dieser Bildungsunterschied wurde mit jüngeren Jahrgängen deutlich kleiner, da Mädchen zunehmend eine längere (Aus)Bildung genossen. Doch auch insgesamt stieg das Bildungsniveau bei beiden Geschlechtern von Generation zu Generation an. [2]
Diese Entwicklung ist bedeutsam, denn wenn Bildungsunterschiede zwischen den Geschlechtern kleiner werden, könnten sich langfristig auch Unterschiede im Demenzrisiko verringen und sich im Verlauf der kognitiven Alterung zeigen. Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass Frauen in den untersuchten Kohorten im Durchschnitt bessere Gedächtnisleistungen zeigten und, dass der Gedächtnisabbau bei Männern schneller verlief.
Die gute Nachricht lautet deshalb: Geschlechtsunterschiede bei Demenz sind nicht statisch. Sie sind unter anderem eine Folge von Bildungsungleichheiten. Eine bessere Bildung beider Geschlechter kann somit dazu beitragen, geschlechtsspezifische Unterschiede im kognitiven Altern künftig abzumildern.[3]
Biologische Faktoren: Menopause, Östrogen und APOE-ε4
Neben den bildungsbezogenen Faktoren werden auch biologische Mechanismen diskutiert. Ein zentraler Ansatz betrifft den Rückgang des Östrogen-Hormones während der Menopause. Östrogen wirkt im Gehirn unter anderem auf Nervenzellen, die Synapsenbildung, die Durchblutung und Entzündungsprozesse. Mit dem Absinken des Östrogenspiegels könnten neuroprotektive Effekte teilweise verloren gehen. Mehrere Übersichtsarbeiten betrachten die Menopause daher als möglichen biologischen Wendepunkt der Gehirnalterung bei Frauen.
Auch genetische Risikofaktoren spielen eine Rolle. Das APOE-ε4-Allel gilt als wichtigster genetischer Risikofaktor für die Alzheimer-Krankheit. Studien weisen darauf hin, dass Frauen mit APOE-ε4 in bestimmten Altersbereichen ein höheres Alzheimer-Risiko haben können als Männer mit derselben genetischen Variante. Es wird zudem diskutiert, ob APOE-ε4 bei Frauen stärkere Veränderungen der Alzheimer-typischen Hirnpathologie (zum Beispiel die Menge an Ablagerungen) oder das Immunsystems beeinflussen könnte.[4]
Diagnose und offene Forschungsfragen
Ein wichtiger Punkt bei den geschlechtsspezifischen Unterschieden betrifft die Diagnostik. Da Frauen häufig bessere verbale Gedächtnisleistungen zeigen, könnten frühe Symptome einer Alzheimer-Erkrankung in bestimmten Testverfahren länger unauffällig bleiben. Dadurch besteht die Möglichkeit, dass Frauen teilweise erst in fortgeschritteneren Stadien diagnostiziert werden. Ob die beobachtete höhere Prävalenz bei Frauen also auch durch Diagnose- und Überlebenseffekte beeinflusst wird, ist eine wichtige offene Forschungsfrage.
Aguzzoli et al. (2025) zeigen, dass Geschlecht den gesamten Versorgungspfad beeinflusst. Dies beginnend mit der Wahrnehmung erster Symptome, über die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen, bis hin zur Diagnose und die Behandlung. Die Autor:innen identifizieren Hinweise auf geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Zugang zur Versorgung sowie Unterschiede in der medizinischen Behandlung von Frauen und Männern. Dieser Effekt kann insbesondere für Frauen mit Migrationshintergrund stark ausgeprägt sein, da sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede sowie die begrenzte Eignung standardisierter kognitiver Testverfahren für Menschen mit Migrationshintergrund zu einer verzögerten oder erschwerten Diagnosestellung führen können. [5] Weitere Forschungsthemen betreffen das mögliche „kritische Zeitfenster“ hormoneller Veränderungen, die Frage, warum manche Frauen trotz früher Menopause keine Demenz entwickeln, sowie geschlechtsspezifische Unterschiede bei Neuroinflammation, Tau-Pathologie und Hirnstoffwechsel.
Insgesamt zeigt sich. Die Geschlechtsunterschiede sind nicht auf eine einzelne Ursache zu reduzieren. Sie entstehen dort, wo biologische Prozesse, soziale Ungleichheiten, Versorgungssysteme und Diagnostik zusammenwirken.
Fußnoten:
[1] vgl. Huque et al. 2023
[2] Bloomberg et al. 2021
[3] Stern 2012; Liu et al. 2024
[4] Belloy et al. 2023; Mervosh & Devi 2025
[5] Schmachtenberg et al. 2020
Aguzzoli, E., Walbaum, M., Knapp, M., Castro-Aldrete, L., Santuccione Chadha, A. & Cyhlarova, E. (2025). Sex and gender differences in access, quality of care, and effectiveness of treatment in dementia: a scoping review of studies up to 2024. Archives of Public Health, 83, 1–20.
Belloy, M. E. et al. (2023): APOE Genotype and Alzheimer Disease Risk Across Age, Sex, and Population Ancestry. JAMA Neurology.
Bloomberg, M., Dugravot, A., Dumurgier, J. et al. (2021): Sex differences and the role of education in cognitive ageing: analysis of two UK-based prospective cohort studies. The Lancet Public Health, 6, e106–e115.
Erol, R., Brooker, D. & Peel, E. (2015): Women and Dementia. A Global Research Review. London: Alzheimer’s Disease International.
Huque, H., Eramudugolla, R., Chidiac, B., Ee, N., Ehrenfeld, L., Matthews, F. E., Peters, R. & Anstey, K. J. (2023): Could Country-Level Factors Explain Sex Differences in Dementia Incidence and Prevalence? A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Alzheimer’s Disease, 91(4), 1231–1241. doi: 10.3233/JAD-220724.
Liu, Y., Lu, G., Liu, L., He, Y. & Gong, W. (2024): Cognitive reserve over the life course and risk of dementia: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Aging Neuroscience, 16, 1358992. doi: 10.3389/fnagi.2024.1358992.
Mervosh, N. & Devi, G. (2025): Estrogen, menopause, and Alzheimer’s disease: understanding the link to cognitive decline in women. Frontiers in Molecular Biosciences.
Pillemer, S., Davis, J. & Tremont, G. (2018): Gender Effects on Components of Burden and Depression among Dementia Caregivers. Aging & Mental Health, 22(9), 1156–1161. https://doi.org/10.1080/13607863.2017.1337718.
Schmachtenberg, T., Monsees, J., Hoffmann, W., van den Berg, N., Stentzel, U. & Thyrian, J. R. (2020). How is migration background considered in the treatment and care of people with dementia? A comparison of national dementia care guidelines in Europe. BMC Public Health, 20, 1555.
Stern, Y. (2012): Cognitive reserve in ageing and Alzheimer’s disease. The Lancet Neurology, 11, 1006–1012.
Xiong, C., Biscardi, M., Astell, A., Nalder, E., Cameron, J. I., Mihailidis, A. & Colantonio, A. (2020): Sex and gender differences in caregiving burden experienced by family caregivers of persons with dementia: A systematic review. PLOS ONE, 15(4), e0231848. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0231848.
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