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Schreien und Rufen bei Menschen mit Demenz – Was tun?

  • Johannes Hoehnke

Lautes Rufen und Schreien von Menschen mit Demenz bleibt sowohl in der fachpflegerischen Versorgung als auch in der Betreuung durch Angehörige eine massive Herausforderung. Gerade im Kontext der Angehörigenpflege, wo die versorgende Person nicht nach Schichtwechsel nach Hause gehen kann, zieht dieses Verhalten extreme Belastungen nach sich.

Was hat es mit diesem Phänomen auf sich und kann man diesem Verhalten überhaupt adäquat begegnen?

 

Warum rufen und schreien Menschen (mit Demenz)

Zunächst sei angemerkt, dass sich nicht nur bei Menschen mit Demenz anhaltende und wiederholende laute Äußerungen vorkommen, sondern auch andere psychische Erkrankungen dahinterstecken können. In der Fachsprache redet man insbesondere bei Menschen, die von Demenz betroffen sind von anhaltender Vokalisierung (Persistent Vokalisation, kurz: PV).

Die Studienlage hierzu ist sehr gering. Forschende haben in der Vergangenheit immer wieder darauf hingewiesen, dass es mehr Untersuchungen zu diesem brisanten Thema geben sollte, da die Wahrscheinlichkeit für ein solche Verhalten bei Menschen mit Demenz indessen bei 30 % liegt[1]. Mit der Zunahme der verschiedenen Demenzerkrankungen wird PV auch zunehmend gesellschaftlich relevant.

Schreien und Rufen sind häufig Ausdruck von Not, Überforderung und Unsicherheit, aber auch Schmerzen und Stress können mögliche Ursachen sein.

Es ist nicht automatisch absichtsvoll, aggressiv oder durch den Charakter bedingt, sondern kann mit der hirnorganischen Degeneration selbst im Zusammenhang stehen[2]. Allerdings sollten bei PV immer mehrere Ebenen betrachtet werden – das meint u. a.:

a) Biografische Aspekte – Spielen Traumata aus der Vergangenheit eine Rolle, gab es im Lebensverlauf Kriegserlebnisse, Gewalterfahrungen oder Begebenheiten bei denen der/die Betroffene verlassen wurde? Gerade bei Traumata kann es durch gewisse Trigger zu Re-Traumatisierungserfahrungen kommen. Ein klassisches Beispiel ist die Pflege einer Frau durch eine männliche Pflegeperson. Gab es traumatische Gewalterfahrungen in der Biografie der Betroffenen, könnte es in der Pflegepraxis zu aggressiven Verhalten oder verbal lautstarken Abwehrreaktionen kommen, die nicht in der Person der männlichen Pflegekraft begründet, aber durchaus zu verstehen sind.

b) Umweltreize – Eine fremde oder häufig wechselnde Umgebung, Lärm, Stressverhalten, Temperaturempfinden, anderer Personen oder Eigenheiten des Zimmernachbars auf Station können ebenfalls ursächliche Reize sein. Auch die durchgeführten medizinischen Interventionen welche eigentlich zur Genesung führen sollen, können – bei geringer Sensibilität in der Durchführung – zu lautem Rufen führen.

c) Demenzart / Hirnorganische Veränderungen – Gerade bei Lewy-Body-Demenz sind Halluzinationen ein Hauptsymptom. Dementsprechend können laute verbale Äußerungen aufgrund von Ängsten entstehen, die darin begründet sind, dass Betroffene bspw. viele kleine Insekten oder Spinnen sehen. Auch bei anderen Erkrankungen, wie dem Korsakow-Syndrom kommt es häufig zu lautem Rufen oder Schreien.

d) Nebendiagnosen / Begleitsymptome – Es sollte sich die Frage gestellt werden, welche Erkrankungen sind möglicherweise noch ursächlich für die PV? Bspw. können andere Diagnosen, eine zu geringe Trinkmenge, Nebenwirkungen von Medikamenten, aber auch die Folgen eines Schlaganfalls zu Halluzinationen und dadurch auch zu Ängsten führen, die verbal ausgedrückt werden.

e) Sonderfall Delir – Ein besonders häufiger Fall ist das Delir, welches ebenfalls lautes Rufen auslösen kann. Das Delir tritt nach einer OP oder häufig wechselnden Verlegungen im Kliniksetting auf. Es ist meist zeitlich begrenzt und führt neben demenzähnlichen Symptomen auch zu Halluzinationen. Im Krankenhaus gibt es dafür spezielle Testverfahren, welche die Gefahr für ein Delir bereits vor der OP einschätzen können. Bei einer bereits bestehenden Demenzerkrankung ist das Risiko des Delirs nach einer OP wesentlich höher. Dementsprechend sollten Menschen mit Demenz perioperativ – also vor, während und nach der Operation – sehr sensibel und möglichst vorausschauend behandelt werden.

f) Unbefriedigende Bedürfnisse – Manchmal kann lautes Rufen auch Ausdruck von Hunger, Durst, Harndrang oder die Sehnsucht nach Zuwendung und Kontakt sein. Aber auch scheinbar banale Wünsche, wie das Aufschütteln des Kopfkissens, die Veränderung der Liegeposition oder einfach ein gewisses Mitteilungsbedürfnis aufgrund von langer Weile werden durch PV artikuliert.

Fakt ist, niemand schreit einfach nur so. Menschen mit Demenz oder diejenigen, welche sich in einem deliranten Zustand befinden, können ihre Bedürfnisse aufgrund der Erkrankung häufig nicht adäquat kundtun. Deswegen ist die Suche nach den Ursachen in der Praxis nicht selten eine Herausforderung.

 

Besonderheiten bei Menschen mit Demenz

Menschen mit Demenz können in vielerlei Hinsicht eine gestörte Affektregulation haben. Deswegen verhalten sie sich in vielen Lebenslagen nicht „gesellschaftlich anerkannt“ – lautes Rufen gehört auch dazu. Demnach ist es zwecklos die an Demenz erkrankten Menschen darauf hinzuweisen, dass sie das Schreien unterlassen sollen; sie können es nicht, weil sie mit zunehmendem Erkrankungsstadium die Fähigkeit verlieren sich in andere hineinzuversetzen bzw. ihr Verhalten im Kontext gesellschaftlicher Normen zu reflektieren.

Ungeachtet der bisher benannten Faktoren sollte bei Menschen mit Demenz daher berücksichtigt werden, dass sich die Kommunikationsfähigkeit mit zunehmendem Krankheitsverlauf verringert. Zudem schwindet nach und nach das Erinnerungsvermögen, sodass Betroffene vergessen, dass sie bereits vor einigen Sekunden schon mal auf sich aufmerksam gemacht haben[3].

Ein beruhigende, auf das Gefühl eingehende Haltungen ist entscheidend für den Umgang mit lauter Verbalisation bei Menschen mit einer Demenz.

 

Was kann ich konkret tun?

Drei handlungsleitende Prinzipien sollten im Umgang mit PV berücksichtigt werden:

1. Die Gründe für die anhaltende Vokalisation müssen erörtert werden.
2. Die Umgebung muss verändert werden und nicht die Betroffenen.
3. Das laute Rufen darf nicht persönlich genommen werden.

Eine Therapie, die sich von vorneherein unreflektiert auf das Rufen konzentriert ist nicht zielführend. Vielmehr muss zuerst nach der Ursache geforscht werden. Hierbei kann nicht genug betont werden, die Betroffenen ganzheitlich zu betrachten (das meint Biographiearbeit, Krankheitsgeschichte, Behandlungsverlauf, aktuelle Lebenssituation). In vielen Fällen lässt sich dadurch klären, welche Veränderungen herbeigeführt werden können, um das Schreien zu minimieren. Nachfolgende Tabelle gibt Anregungen dafür:

Kategorie Ursache Intervention
 

 

 

 

Physiologische Faktoren

Hunger Essen reichen
Durst Trinken geben
Harndrang / Unbehagen Toilettengang, Inkontinenzmaterial wechseln
Schmerzen Schmerz lindern
Kälte / Wärme Temperaturregulierung
Bewegungsdrang Bewegung, Sportübungen, Spaziergang
Einseitige Liegeposition Umlagern
Berührungsdefizit Massage, basale Stimulation, äth. Öle
 

 

 

 

 

 

Psychologische

Faktoren

Einsamkeit, Aufmerksamkeitsdefizit Gespräche / Kontakt, Musik, basale Stimulation, Gruppenangebote
 

Angst

– vor Dunkelheit – Licht an

– vor engen Räumen – Türen & Fenster öffnen, ggf. Raum wechseln

– vor Zimmernachbarn – abklären

– vor Angehörigen

Reizüberflutung Reizregulierung, geschützter Raum
Retraumatisierung / Dissoziation Beruhigen, ruhigen Ort suchen, zurück ins Hier und Jetzt holen
Traurigkeit Trost, Berührungen, einfach „da sein“, Ablenkung
Kontrollverlust Ruhe geben, Sicherheit vermitteln
 

 

 

Medizinische Faktoren

Nebendiagnosen Nebendiagnosen prüfen
Wechsel- & Nebenwirkungen mit Medikamenten Medplan und Beipackzettel prüfen, Arzt konsultieren,
Halluzinationen Medizinische Abklärung
Delir Delirprävention /-nachsorge, Delir-Screening, Delir-Therapie
Trinkmenge Trinkprotokoll, zum Trinken animieren

 

Fazit:

Laute Verbalisation bleibt anstrengend und herausfordernd – manchmal bis hin zur völligen Erschöpfung der Angehörigen. Insbesondere die genaue Ursachensuche kann für alle Beteiligten eine nachhaltige Erleichterung herbeiführen. Es kann aber auch sein, dass sich das Verhalten trotz aller Interventionen nicht ändert. In diesem Fall wäre zu überlegen, ob eine medikamentöse Einstellung hilfreich sein kann. Dafür sollte mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin gepsrochen werden. Denn es darf auch nicht vergessen werden, permanentes lautes Rufen ist ein Kraftakt für den Körper und die Psyche der Betroffenen.

 

Haben Sie Fragen? Wenden Sie sich gerne an uns und lassen sich beraten.

Sie erreichen uns unter:
Tel.: 0381 / 208 754 00
Mail: kontakt@alzheimer-mv.de
Hompage: https://alzheimer-mv.de

 

Quellen:

https://www.micura.de/blog/ein-blick-hinter-die-schreie-bei-demenz (Zugriff: 04.05.26)

https://link.springer.com/article/10.1007/s40211-024-00511-5 (Zugriff: 22.04.26)

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30303058/ (Zugriff: 22.04.26)

https://www.researchgate.net/publication/384956369_Therapiestrategien_von_repetitiven_Vokalisationen_bei_DemenzTherapy_strategies_for_repetitive_vocalizations_in_dementia_Ein_systematisches_ReviewA_systematic_review (Zugriff: 22.04.26)

https://link.springer.com/article/10.1007/s40211-024-00511-5 (Zugriff: 22.04.26)

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6458099/ (Zugriff: 22.04.26)

https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/04/05/schreien-und-rufen-bei-demenz-beruhigen-allein-reicht-nicht/ (Zugriff: 22.04.26)

 

Fußnoten

[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30303058/ (Zugriff 22.04.2026)

[2] https://demenz-im-krankenhaus.de/2026/04/05/schreien-und-rufen-bei-demenz-beruhigen-allein-reicht-nicht/ (Zugriff: 22.04.2026)

[3] vgl. https://www.micura.de/blog/ein-blick-hinter-die-schreie-bei-demenz (Zugriff: 04.05.2026)

 

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