Skip to content

Schützt ein höheres Bildungsniveau vor Alzheimer?

  • Johannes Hoehnke

Diese Frage taucht immer wieder auf wenn es um Demenzprävention geht.

In den 1990er Jahren gelang es einem Team von Forschenden hunderte Nonnen für wissenschaftliche Untersuchungen zu gewinnen. Die 2003 veröffentlichten Ergebnisse gingen als die sog. „Nonnenstudie“ in die Geschichte der Alzheimer-Forschung ein. Welche Erkenntnisse sich für die eingangs gestellte Frage ableiten lassen, wird im Folgenden erklärt.

 

Hintergrund

Prof. David Snowdon von der Universität von Minnesota bzw. Universität von Kentucky und sein Team hatten die außergewöhnliche Gelegenheit im Jahre 1986 eine Längsschnittstudie[1] mit über 600 Nonnen zu beginnen und deren Umweltfaktoren in Bezug auf die Ausbildung einer Alzheimer-Demenz zu untersuchen. Bedeutungsvoll dabei, die Nonnen stellten ihre Gehirne nach ihrem Tod für eine wissenschaftlichen Obduktion zur Verfügung.

Die Nonnen waren römisch-katholische Ordensschwestern aus der School Sisters of Notre Dame aus verschiedenen Klöstern in den USA. Ihre Altersspanne zu Beginn der Untersuchung lag zwischen 75 und 106 Jahren. Das Besondere, die Daten konnten unter laborähnlichen Bedingungen erhoben werden. Denn alle Nonnen lebten unter den gleichen Umständen (gleicher Tagesrhythmus, gleiche Ernährung, keine Anhaltspunkte für Drogen, Sex und Alkoholmissbrauch, kein Stress durch Familienleben oder anderweitigen negativen Umwelteinflüssen) – kurzum, perfekte Voraussetzungen für eine verlässliche Datenbasis.

So heißt es in Snowdens Buch zur Studie: „Insgesamt meldeten sich 678 von 1027 in Frage kommenden Schwestern für die Gehirnspende. Dies stellt eine Beteiligung von phänomenalen 66 Prozent dar und gab Anlass zur Hoffnung, dass die Nonnenstudie das Potenzial haben würde, unser Wissen über die Alzheimer Krankheit und den Alterungsprozess entscheidend zu erweitern.[2]“

 

Wie war die Studie aufgebaut?

Die Untersuchung gliederte sich in drei Elemente:

  1. Den Forschenden wurde zuritt zu den Archiven der Klöster gewährt. Dort lagerten die Lebensläufe der Schwestern, die sie zu Beginn des Eintritts in den Orden anfertigen sollten (sie starteten als Novizinnen durchschnittlich ab dem 22 Lebensjahr). Die Texte wurden inhaltlich, aber auch auf Ausdruck, Kreativität und grammatikalische Komplexität untersucht, um ein Gefühl für geistige bzw. sprachliche Bildung jeder Nonne zu erhalten.
  2. In einem weiteren Schritt wurden die Teilnehmerinnen jährlich mental getestet, sodass Veränderungen in Merkfähigkeit und Kognition genau nachvollzogen werden konnten.
  3. Die Autopsie des Gehirns war die dritte Säule der Untersuchung und sollte Aufschluss über die Ausbildung der für die Alzheimer typischen Amyloid-Plaques geben.

Insgesamt sollte die Untersuchungen zeigen, welchen Zusammenhang es zwischen Umweltfaktoren bzw. Verhaltensweisen im jungen bzw. mittleren Alter und der Ausbildung einer Alzheimer-Erkrankung im hohen Alter gibt.

Zusätzlich: Eine weitere Teilstudie untersuchte den Zahnstatus einiger Nonnen, um der Frage nachzugehen, ob eine schlechter Mundhygiene ursächlich mit der Alzheimer-Erkrankung in Verbindung gebracht werden könnte.

 

Was sind die Ergebnisse?

Die insgesamt über 20-jährige Forschung lieferte sensationelle Ergebnisse, denn es wurde festgestellt, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen der Ablagerung von Amyloid-Plaques im Gehirn und dem tatsächlichen kognitiven Verfall gab[3].

Ein prominentes Beispiel war Schwester Bernadette, die mit 85 Jahren verstarb und deren Gehirn voll Plaque-Ablagerungen war. Schwester Bernadette schnitt allerdings bis zum Ende ihres Lebens immer noch überdurchschnittlich gut in den kognitiven Testungen ab. Sie zeigte also keinerlei Symptome von Alzheimer-Demenz, obwohl sie diese (rein neuropathologisch gesehen) hätte zeigen müssen.

Weitere Erkenntnisse waren, dass die Kreativität und die Wortgewandtheit in der Jugend bzw. im mittleren Alter einen Schutzfaktor gegen die Entwicklung von Alzheimer begründen und dass ein positives Lebensgefühl bzw. eine positive Grundstimmung förderlichen Einfluss auf die Lebensjahre haben können.

Ein zusätzlicher Aspekt war die Zahngesundheit: Ordensschwestern, die zu Beginn der kognitiven Testungen wenig Zähne hatten, besaßen ein mehr als doppelt so hohes Risiko, später Alzheimer zu entwickeln. Als Ursache dafür vermuteten die Forschenden die bei Zahnfleischerkrankungen (wie Parodontitis) aktiven Bakterien, welche auch die Blut-Hirnschranke überwinden und wiederum entzündliche Prozesse im Gehirn entfachen können. Die Wissenschaftler hatten darüber hinaus den Verdacht, dass diese Entzündungen ebenfalls durch die fehlende Kau-Aktivität (welche nachweislich das Gehirn weniger durchblutet) verstärkt werden.

 

Was bedeuten die Ergebnisse für uns heute?

Die Studie hat bewiesen, dass die neurologisch sichtbaren Plaque-Ablagerungen und die klinischen Symptome für Alzheimer zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Ein kognitiv fittes Gehirn kann trotz schwerer Schäden erstaunlich lange normal weiterfunktionieren.

Hier spricht man von der sog. kognitiven Reserve. D. h. je höher die kognitive Leistung einer Person ist desto später treten spürbare Symptome für eine Alzheimer-Erkrankung auf. Dies kann bspw. am Wortschatz illustriert werden: Je mehr Wörter ich für ein und denselben Sachverhalt kenne, desto mehr Möglichkeiten habe ich, den Begriff zu finden bzw. die Situation zu beschreiben, auf die ich hinaus möchte. Es ist wie die Reise mit einem Auto: Je mehr Routen ich kenne, desto mehr Wege kann ich zum Ziel nehmen. Das hilft mir gerade dann, wenn eine oder mehrere Strecken nicht befahrbar bzw. gesperrt sind.

Zudem kann neben der kognitiven Fitness, eine positive Lebenseinstellung ein Schutzfaktor gegen die Ausprägung einer Demenz sein.

Ob allerdings ein guter Zahnstatus einen erhöhten Schutz bedeutet, ist noch unklar. Zwar wurde ein Zusammenhang zwischen Mundhygiene und Demenz bereits durch andere Studien belegt, jedoch ist nicht gesichert, welcher Faktor sich auf den anderen auswirkt: Ist Alzheimer ursächlich für einen schlechten Zahnstatus, weil Betroffene die Zahnhygiene schlicht vergessen, oder befeuert das Fehlen von Zähnen die Erkrankung aufgrund der o. g. Bakterienaktivität?[4]

Die Nonnenstudie hat prägende Erkenntnisse in die Alzheimer-Forschung gebracht. Insbesondere durch die homogenen Ausgangsbedingungen stellt die Untersuchung eine bisher einmalige Gelegenheit für einheitliche Ergebnisse dar. Dennoch sollte bei der Interpretation Vorsicht geboten sein, denn die Lebensbedingungen der Ordensschwestern lassen sich nicht eins zu eins auf unser Alltagsleben projizieren.

 

Quellen:

Clarke KM, Etemadmoghadam S, Danner B, Corbett C, Ghaseminejad-Bandpey A, Dopler M, Parker-Garza J, Alhneif M, Babu S, Ogunbona OB, Gonzalez AD, Salardini A, Flanagan ME. The Nun Study: Insights from 30 years of aging and dementia research. Alzheimers Dement. 2025 Feb;21(2):e14626. doi: 10.1002/alz.14626. PMID: 39998266; PMCID: PMC11852352.

Schwahn C, Frenzel S, Holtfreter B, Van der Auwera S, Pink C, Bülow R, Friedrich N, Völzke H, Biffar R, Kocher T, Grabe HJ; Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative. Effect of periodontal treatment on preclinical Alzheimer’s disease-Results of a trial emulation approach. Alzheimers Dement. 2022 Jan;18(1):127-141. doi: 10.1002/alz.12378. Epub 2021 May 29. PMID: 34050719.

Snowdon, David: Lieber alt und gesund. Dem Altern seinen Schrecken nehmen.
1. Auflage, Blessing Verlag, München 2001.

Snowdon DA; Nun Study. Healthy aging and dementia: findings from the Nun Study. Ann Intern Med. 2003 Sep 2;139(5 Pt 2):450-4. doi: 10.7326/0003-4819-139-5_part_2-200309021-00014. PMID: 12965975.

 

Fußßnoten:

[1] Eine Längsschnittstudie ist eine wissenschaftliche Untersuchung, bei der dieselben Personen oder Einheiten über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach zu verschiedenen Zeitpunkten beobachtet oder befragt werden. (©Wikipedia 2026)

[2] David Snowdon: Lieber alt und gesund, München 2001, S. 74.

[3] Bis dato ging die Forschung davon aus, dass mit zunehmenden Plaque-Ablagerungen auch ein erhöhter kognitiver Verfall einherging.

[4] ein klassisches Henne-Ei-Problem

 

Findest Du den Beitrag interessant? Folge uns oder Teile den Beitrag: