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Pharmaunternehmen erhält Zulassung für Alzheimer-Bluttest. Was bedeutet das?

  • Johannes Hoehnke

Die Alzheimer-Erkrankung ist die am häufigsten vorkommende Form von Demenz. Sie wird aktuell durch verschiedene Methoden diagnostiziert. Dabei treten mitunter Unsicherheiten auf. Zum einen besteht die Frage, ob überhaupt eine Demenzerkrankung vorliegt. Gerade in der Anfangsphase einer Erkrankung, ist nicht immer trennscharf erkennbar, ob nicht lediglich eine leichte kognitive Einschränkung[1] oder eine Demenzerkrankung vorliegt[2].

Zum anderen ist bei gestellter Diagnose die anschließende Fragestellung, welche Form von Demenz überhaupt vorliegt. Handelt es sich um eine reine Alzheimer-Erkrankung oder eine Mischform? Könnte es nicht doch eher eine frontotemporale Demenz sein?

Was wäre, wenn diese Fragen mittels eines Bluttests zumindest in Bezug auf die Alzheimer-Erkrankung zukünftig leichter zu ermitteln wäre?

Das Schweizer Pharmaunternehmen hat vor kurzem (16.03.26) die CE-Zulassung für einen solchen Bluttest erhalten. Das ist nicht der erste zugelassene Bluttest, aber unterstreicht die wachsende Bedeutung solcher Testverfahren.

 

Wie wird Alzheimer bisher diagnostiziert?

Es gibt mehrere Testverfahren, die aktuell angewandt werden:

  1. Minimental Status Test (MMST): Der Test beinhaltet mehrere Fragen und dauert zwischen 10 – 15 Minuten. Er besteht aus Aufgaben der Orientierungs- und Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit und Rechenkompetenz, aber auch die Sprache und das Vermögen zur Konstruktion von Sätzen werden niedrigschwellig und durch kurze Aufgaben abgefragt. Der MMST kann von Haus- oder Fachärzten aber auch bspw. Ergotherapeuten durchgeführt werden. Der Test macht allerdings noch keine Diagnose, sondern gibt lediglich Indizien für eine mögliche Erkrankung, die dann im weiteren Verlauf genauer abgeklärt werden muss.
  2. Ein nächster Schritt ist dann häufig das bildgebende Verfahren. Dies meint das MRT[3], CT[4] oder den PET-Scan[5]. Letzteres beinhaltet die Verabreichung einer radioaktiven Substanz, um die Funktionsfähigkeit der Nervenzellen beobachten zu können. Je nach Verdachtsdiagnose werden unterschiedliche Substanzen gespritzt – bspw. können im Amyloid-PET die typischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn beobachtet werden. Der PET-Scan ist entsprechend der S3-Leitlinie für Demenz erst dann in Betracht zu ziehen, wenn klinische und kognitive Testungen kein Ergebnis gebracht haben. Die anderen beiden Verfahren sind bekannt: Das CT arbeitet mit Röntgenstrahlen, während das MRT mittels starker Magnetstrahlung bzw. hochfrequenter Radiowellen Bilder erzeugt. Für alle Verfahren gilt, dass sie Veränderungen im Gehirn sichtbarmachen und diese für eine differenzierte Diagnose lokalisieren [6].
  3. Bei der Liquordiagnostik wird durch eine sog. Lumbalpunktion Nervenwasser aus dem Wirbelkanal des unteren Rückens[7] entnommen und auf Amyloid-Plaques und Tau-Proteinen untersucht. Hier zeigen u. a. niedrige Werte des Amyloid-beta, dass sich dieses Protein im Gehirn ablagert, was ein deutliches Kennzeichen für die Alzheimer-Erkrankung ist.

 

Gibt es derzeit schon Bluttests für die Alzheimer-Diagnostik?

Aktuell sind nur wenige Bluttests entwickelt, welche für den europäischen Markt zugelassen wurden und in der Vorbereitung für einen flächendeckenden Einsatz stehen:

Precivity AD-Bloodtest: Dieser Test wird bei leichten kognitiven Auffälligkeiten angewandt und misst das Verhältnis zwischen den Peptiden Beta-Amyloid-40 und Beta-Amyloid-42. Beta-Amyloid ist nach derzeitigem Stand an der Reizweiterleitung beteiligt und hat eine schützende Wirkung auf die Nervenzelle. Bestehen leichte Symptome einer Demenz-Erkrankung, und wird ein höherer Anteil an Beta-Amyloid-42 (Aß-42) gemessen, dann weist dies auf die Alzheimer-Krankheit hin. Ein erhöhtes Vorkommen deutet demnach auf die Verkettung und damit auf die für die Alzheimer-Erkrankung typischen Plaques hin. Der Precivity AD-Bloodtest findet derzeit Anwendung bei Personen ab dem 55. Lebensjahr.

Elecsys pTau181-Test: Etwas präziser prüft dieser Test das übermäßige Vorkommen des chemisch veränderten Tau-Proteins. Dieser Test ist von der Firma Roche gemeinsam mit dem US-amerikanischen Konzern Eli Lilly entwickelt worden. Wird das pTau-181 im erhöhten Maß festgestellt, deutet dies auf das auf die Existenz der Tau-Tangles in der Nervenzelle hin, die ebenfalls charakteristisch für Alzheimer sind. Der Test bereits letztes Jahr die CE-Kennzeichnung erhalten. Einen ähnlichen Bluttest gibt es auch für das pTau-217-Protein.

 

Was haben die Bluttests für Vorteile?

Obwohl die genannten Bluttests zugelassen sind, liegt deren Zuverlässigkeit noch unterhalb der Aussagekraft der Liquorpunktion. Diese ist jedoch nicht selten mit einem Krankenhausaufenthalt verbunden. Zudem gilt für die bildgebenden Verfahren, dass sie kostenintensiv sind. Weiterhin stellt das MRT bzw. CT häufig auch eine Belastung bei klaustrophobischen Patientengruppen dar. Sollte die Weiterentwicklung der Bluttests zu eindeutigeren Ergebnissen führen, ergeben sich geringere Kosten, eine stark vereinfachte ressourcenschonendere Diagnostik und für die Betroffenen weniger belastungsintensive Diagnoseverfahren zur Bestimmung einer möglichen Alzheimererkrankung.

 

Gibt es auch ethische Fragen?

Tatsächlich arbeiten die Forschenden seit einigen Jahren auch an Bluttests, die bereits viele Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome die Alzheimerkrankheit nachweisen sollen. Diese Möglichkeit stellt die Forschung und Zulassungsstellen jedoch vor ethische Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen:

  • Die Ergebnisse könnten zu psychischen Belastungen, Sinnkrisen oder Stigmatisierung/Diskriminierung führen.
  • Damit einher geht die Notwendigkeit eines erhöhten Beratungsangebot
  • Es besteht die Frage, wie viel Unsicherheit ist ethisch vertretbar? Sollten die Tests positiv, aber falsch sein, muss überlegt werden, welche dies Konsequenzen dies hätte (psychisch, juristisch). Umgekehrt besteht die Frage: Könnte ein negativer Test nicht in falsche Sicherheit wiegen und ebenfalls (juristische) Risiken nach sich ziehen?
  • Zudem könnten Versicherungsunternehmen zukünftig Tests verlangen oder positiv befundete Personen vom Recht auf Versicherung ausschließen, obwohl diese noch Jahre kerngesund blieben.
  • könnte es auch zu Problemen im Berufsleben kommen.

Zur Erinnerung: Aktuell werden Diagnoseverfahren zunächst bei auftretenden Symptomen und bspw. einer gewissen Punktzahl im MMST eingeleitet. Demnach stellen sich solche ethischen Fragen bisher eher seltener.

Ein ähnliches Szenario ergibt sich allerdings bei der genetische bedingten Alzheimer-Erkrankung. Wir berichteten bereits vom prominenten Beispiel des australischen Schauspielers Chris Hemstorth, der ein erhöhtes Risiko hat an Alzheimer zu erkranken, weil er das Risiko-Gen Apo-E4 in sich trägt.

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Was ist denn aber nun mit dem neuen Bluttest von Roche (siehe Überschrift)?

Hier schließt sich nun der Kreis: Der Schweizer Pharmakonzern hat neben den o. g. Test einen weiteren Bluttest für dieses Risikogen ApoE-4 entwickelt und dafür nun die CE-Kennzeichnung erhalten. Diese Kennzeichnung kann als eine Art Konformitätsbescheinigung für angemessene Sicherheit, Gesundheit und Umweltkonformität verstanden werden. Der Weg für den europäischen Markt ist geebnet und der bisher notwendige Gentest entfällt. Wir sprachen bereits in einem vergangenen Artikel über die Möglichkeit der Vererbung der Alzheimer-Krankheit.

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Der Roche-Konzern erleichtert damit die Alzheimer-Diagnostik enorm, da mit einem einzigen Bluttest nun sowohl das genbasierte ApoE-4-Gen als auch das pTau181 identifiziert werden kann.

Dennoch müssen die Ergebnisse der Studien weiter validiert werden, da firmenfinanzierte Studien immer kritisch beäugt werden müssen. Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass die Alzheimerkrankheit laut Forschung nur in geringem Maße vererbbar ist.

Die kommende Zeit wird zeigen, ob sich die Aussagekraft der Testergebnisse von Bluttests gegenüber den herkömmlichen Diagnoseverfahren verbessern kann – alles in allen wäre dies tatsächlich ein Durchbruch in der Alzheimerforschung.

 

Quellen:

https://www.alzheimer-forschung.de/forschung/aktuell/bluttests/ (Zugriff 16.03.26)

https://www.alzheimer-forschung.de/demenz/diagnose/ (Zugriff 16.03.26)

https://www.ptaheute.de/aktuelles/2025/01/09/wie-funktionieren-alzheimer-bluttests (Zugriff 16.03.26)

https://www.finanztrends.de/news/roche-aktie-durchbruch-bei-alzheimer-diagnostik/ (Zugriff 16.03.26)

https://www.ecoreporter.de/artikel/roche-erh%C3%A4lt-europ%C3%A4ische-kennzeichnung-f%C3%BCr-alzheimer-bluttest/ (Zugriff 16.03.26)

Fußnoten

[1] Mild Cognitive Impairment, MCI

[2] Größere Schwierigkeiten macht in der Praxis häufig auch die Unterscheidung zwischen einer Lewy-Body-Demenz und der Parkinson-Krankheit

[3] Magnetresonanztomografie

[4] Computertomographie

[5] Positronen-Emissions-Tomographie

[6] Bspw. kann mittels MRT die Schrumpfung des Hippocampus sichtbar gemacht werden, der bereits in einem frühen Stadium der Alzheimer-Erkrankung auftritt.

[7] lumbal = den Lendenbereich betreffend

 

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